MONTAGS-DEMO FREIBURG
Redebeitrag vom 11.02.08

Sozialabbau und Lehrstellenmangel

Die Wirtschaft lobte sich Ende Januar selbst, im vorigen Jahr 88.900 neue Ausbildungsplätze angeboten und damit ihre Zusage im Ausbildungspakt weit übertroffen zu haben. "Das Paktjahr 2007 war ein Rekordjahr", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, am 31. Januar in Nürnberg. Tatsächlich jedoch blieb eine Lehrstellenlücke. So mußte eingeräumt werden, daß die Zahl der noch unvermittelten BewerberInnen sich bis Jahresende lediglich von knapp 30.000 lediglich auf 12.800 verringert habe.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sprach von einem "Mißverhältnis zwischen den Erfolgsmeldungen der Paktpartner und der Lebenswirklichkeit junger Menschen". Nach wie vor seien über 300.000 junge Menschen als sogenannte Altbewerber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Nach Einschätzung von ExpertInnen hat mittlerweile fast jeder zweite Jugendliche, der eine Lehrstelle sucht, die Schule bereits im Vorjahr oder länger verlassen. Die Warteschleifen werden immer länger. Und weiterhin bildet nicht einmal jeder vierte Betrieb aus.

Raimund Becker, Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit, erklärte dagegen: "Es steht mehr zur Verfügung als wir an unversorgten Bewerbern haben." Regierung - vertreten durch die Bundesanstalt für Arbeit (BA) - und DIHK als Partner des sogenannten Ausbildungspaktes legten am Sitz der BA in Nürnberg ihre Bilanz vor. Die Gewerkschaften hatten bereits vor etliche Jahren dem Pakt den Rücken gekehrt, nachdem sichtbar geworden war, daß real nichts für die Jugendlichen unternommen wurde und der Pakt offenbar nur dazu dient, die triste Realität schön zu färben.

Mit der Bildung des Ausbildungspaktes hatte die Wirtschaft 2004 Pläne der "rot-grünen" Bundesregierung für eine Ausbildungsabgabe abwenden können. Zuletzt hatte sie darin die Schaffung von jährlich 60.000 neuen Lehrstellen zugesagt. Statt von einer Ausbildungsabgabe wird seit einiger Zeit nun über einen Ausbildungsbonus diskutiert, mit dem die Wirtschaft dazu motiviert werden soll, real genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Doch selbst dieser Ansatz wird von der Wirtschaft abgelehnt, da der derzeitige Zustand als äußerst komfortabel eingeschätzt wird - und: Bei einer Konkurrenz der Unternehmen um den Bonus könnte zu Tage kommen, daß tatsächlich ein höherer Bedarf an Ausbildungsplätzen existiert als mit den aktuellen Zahlen der Anschein erweckt wird.

So warnte Martin Wansleben von der DIHK den "roten" Arbeitsminister Olaf Scholz davor, das Konzept eines Ausbildungsbonus umzusetzen: "Ein Ausbildungsbonus, falsch gemacht, kostet im Zweifel Ausbildungsplätze." Eine Begründung für diese mysteriöse Prognose war nicht zu erfahren. Das Konzept eines Ausbildungsbonus sieht vor, Betriebe mit bis zu 6000 Euro belohnen, wenn sie Jugendlichen, die sich bislang erfolglos um eine Ausbildung bemüht haben, eine Lehrstelle anbieten. Eckpunkte hatte das "schwarz-rote" Kabinett am 9. Januar beschlossen.

Vor vier Tagen legte der DGB Brandenburg einen aktuellen Ausbildungsreport vor, wonach nur noch jeder dritte Jugendliche in der Region einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhält. Alle übrigen würden mit überbetrieblichen Lehrstellen oder "Maßnahmen" abgespeist. Die Zahl betrieblicher Ausbildungsstellen stagniert unter 2.000. Lediglich die Zahl der staatlich finanzierten Ausbildungsstellen stieg 2007 an.

Auch nach einer Analyse der IG Metall hat die Wirtschaft 2007 weit weniger zusätzliche Lehrstellen geschaffen, als von ihr behauptet. Der Zuwachs bei den Lehrverträgen sei in Wahrheit überwiegend durch die Ausweitung der von den Arbeitsagenturen finanzierten "Hilfsmaßnahmen" zustande gekommen. Diese haben ihre Angebote - die meist auf Warteschleifen hinauslaufen - in 2007 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. So sind nach Angaben der IG Metall von den 48.600 zusätzlichen Ausbildungsverträgen im Westen weniger als die Hälfte der betrieblichen Seite zuzurechnen. Die IG Metall stützt sich dabei auf Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Am 9. Januar hatte auch die "schwarz-rote" Bundesregierung noch eingestanden, daß es nötig sei, 100.000 zusätzliche Lehrstellen für AltbewerberInnen - liebevoll als "Sorgenkinder" bezeichnet - zu schaffen. Damit will sich die Bundesregierung jedoch bis 2010 Zeit lassen. So wurde am 9. Januar auch publik, daß von 735.000 LehrstellenbewerberInnen des Jahres 2007 mehr als die Hälfte AltbewerberInnen gewesen sind. Es ist bemerkenswert wie stank die offiziellen Zahlen von einem auf den folgenden Monat voneinander abweichen können.

Zurück zur Übersichtsseite 'Redebeiträge'

Zurück zur HAUPTSEITE